Hannover, Frühling 2025. Margarete K., 67 Jahre, pensionierte Grundschullehrerin aus der Südstadt, sitzt zum dritten Mal in diesem Jahr im Wartezimmer einer urologischen Praxis. Nicht wegen einer neuen Diagnose — sondern weil sie endlich wissen möchte, welche Schutzmittel für ihren Alltag wirklich geeignet sind. „Ich habe Einlagen, Vorlagen, Slipeinlagen ausprobiert — alles aus der Apotheke. Aber niemand hat mir je erklärt, ob es auch andere Möglichkeiten gibt", erzählt sie später. Ihre Geschichte ist keine Ausnahme. Laut der Deutschen Kontinenz Gesellschaft (DKG) leiden zwischen sechs und acht Millionen Menschen in Deutschland an Harninkontinenz — und die meisten sprechen nicht offen darüber, auch nicht mit ihrem Arzt.
Wir haben das Gespräch gesucht — mit einem Facharzt, der täglich mit Betroffenen wie Margarete K. arbeitet. Dr. Thomas Schmidt ist Urologe und Kontinenzberater in einer großen interdisziplinären Praxis in München. Im folgenden Interview erklärt er, was er von waschbarer Inkontinenzunterwäsche hält, wann er sie empfiehlt — und warum das Thema in Deutschland noch immer zu wenig Aufmerksamkeit bekommt.
Warum wir einen Urologen nach seiner ehrlichen Meinung gefragt haben
Medizinische Empfehlungen zu Inkontinenzprodukten sind in Deutschland oft von industriellen Interessen geprägt. Kassenärztliche Vereinigungen, Apothekenketten und Hilfsmittelanbieter haben naturgemäß unterschiedliche Perspektiven. Wir wollten den direkten Blick aus der Praxis — ohne Werbebotschaften, ohne Zurückhaltung. Dr. Schmidt hat sich dazu bereit erklärt, auch weil er selbst findet, dass die Frage „waschbare Textilprodukte versus Einwegprodukte" in der urologischen Fachdiskussion viel zu kurz kommt.
Welche Patienten kommen zu Ihnen mit Inkontinenz-Produktfragen?
Dr. Schmidt: „Die Bandbreite ist enorm. Wir sehen junge Frauen nach der ersten Geburt mit Belastungsinkontinenz, Männer nach Prostataoperationen — laut Statistiken der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) sind das jährlich über 400.000 Männer allein durch Prostatakarzinom-Behandlungen — und ältere Patienten mit gemischten Formen der Inkontinenz. Dazu kommen Menschen mit neurologischen Grunderkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson."
„Was mich jedes Mal überrascht: Viele kommen erst nach Jahren in die Praxis. Sie haben sich geschämt, haben sich mit Notlösungen arrangiert — oft aus dem Supermarkt oder der Apotheke. Die wenigsten wissen, dass es medizinisch zertifizierte Textilalternativen gibt, die deutlich besser für Haut und Lebensqualität sein können."
Die Zahlen hinter dem Schweigen
Was Dr. Schmidt aus der täglichen Praxis berichtet, bestätigen die Daten. Laut einer Erhebung der BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) suchen weniger als 30 Prozent der Betroffenen ärztliche Hilfe. Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) ist jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens von Harninkontinenz betroffen — viele davon in der Perimenopause, wenn Östrogenmangel die Beckenbodenmuskulatur schwächt. Dass sich Inkontinenz keineswegs zwangsläufig aus dem Alter ergibt, sondern behandelbar ist — und durch geeignete Hilfsmittel deutlich besser beherrschbar — ist eine Botschaft, die noch immer zu selten ankommt.
Einweg vs. waschbar: Was sagt die Evidenz?
Dr. Schmidt: „Ich bin kein Dogmatiker. Einwegprodukte haben ihre Berechtigung — bei sehr starker Inkontinenz, bei bettlägerigen Patienten, bei kurzen Reisen oder im Krankenhaus. Für Menschen mit leichter bis mittlerer Belastungsinkontinenz jedoch, die aktiv am Leben teilnehmen möchten, sind waschbare Textilprodukte in vielen Fällen die bessere Wahl."
„Was die Forschungslage angeht: Es gibt zunehmend Studien, die zeigen, dass hochwertige Saugtextilien mit modernen Absorptionsschichten eine dem Einwegprodukt vergleichbare Flüssigkeitsaufnahme erreichen können. Der Unterschied liegt bei der Hautverträglichkeit — und, das unterschätzen viele, bei der psychologischen Wirkung. Wer sich in normaler Unterwäsche fühlt, lebt anders als jemand, der weiß, dass er eine ‚Windel' trägt."
Umwelt und Kosten als medizinisch relevante Faktoren
Es gibt einen Aspekt, der in der Patientenversorgung selten zur Sprache kommt, wie Dr. Schmidt betont: „Die Entsorgung von Einwegprodukten ist eine Belastung — für die Umwelt, aber auch für Patienten zu Hause. Geruchsbildung, Entsorgungsaufwand, das Kaufen in der Apotheke. Das alles erzeugt Stress. Waschbare Produkte, die bei 60 Grad gewaschen werden können, sind in der täglichen Handhabung für viele Patienten schlicht entspannter."
Worauf sollte man bei Materialien achten — Stichwort OEKO-TEX?
Dr. Schmidt: „Das ist eine meiner wichtigsten Empfehlungen — und ich sage das nicht, weil es modisch klingt. Die Haut im Genitalbereich ist hochsensibel. Bei dauerhaftem Kontakt mit Feuchtigkeit wird sie anfälliger für Reizungen, Pilzinfektionen und Intertrigo. Kommen dann noch synthetische Materialien, Parfüme oder chemische Weichmacher hinzu, verschärft sich das Problem erheblich."
„Das OEKO-TEX Standard 100-Zertifikat gibt mir als Arzt eine wichtige Orientierung. Es belegt, dass ein Textil auf Schadstoffe geprüft wurde — ohne Formaldehyd, ohne Pestizide, ohne allergene Farbstoffe. Bei Inkontinenzunterwäsche ist das kein Luxusmerkmal, das ist eine medizinische Grundanforderung."
Bambusfaser: Mehr als ein Marketingtrend?
Dr. Schmidt: „Bambusfaser hat tatsächlich interessante Eigenschaften. Von Natur aus feuchtigkeitstransportierend, atmungsaktiv und mit einer gewissen antimikrobiellen Wirkung — das ist für Betroffene mit Inkontinenz unmittelbar relevant. Weniger Feuchtigkeit auf der Haut bedeutet weniger Infektionsrisiko und weniger Hautreizung. Voraussetzung ist natürlich, dass die Faser nicht mit problematischen Substanzen behandelt wurde. Auch hier schützt das OEKO-TEX-Zertifikat."
Produkte wie der 3er-Pack Boxershorts 3 Farben von Orykas kombinieren genau diese Eigenschaften: Bambusfaser, OEKO-TEX-Zertifizierung und ein 7-Lagen-Absorptionssystem, das auf normaler Unterwäsche basiert — ohne Crinkle-Geräusche, ohne auftragende Einlagen.
In welchen Situationen empfehlen Sie waschbare Unterwäsche?
Dr. Schmidt: „Ich empfehle waschbare Textilprodukte vor allem in folgenden Situationen: erstens bei leichter bis mittlerer Stressinkontinenz, also wenn bei Husten, Niesen oder Sport ungewollt Urin abgeht. Zweitens bei Patienten nach einer Prostatektomie in der Rekonvaleszenzphase — hier ist die Inkontinenz oft temporär, und eine würdevolle, diskrete Lösung ist dann besonders wichtig. Drittens bei Frauen mit belastungsbedingter Inkontinenz in der Menopause. Und viertens bei Menschen, die aktiv sind — Sport treiben, reisen, berufstätig sind — und sich keine sperrigen Produkte leisten möchten."
„Was ich meinen Patienten sage: Probieren Sie es aus. Holen Sie sich ein Set mit mehreren Stück — wie den 3er-Pack Boxershorts 3 Farben — und tragen Sie sie zwei Wochen lang im Alltag. Dann können wir gemeinsam auswerten, ob die Kapazität ausreicht und ob die Haut besser reagiert als bei den Einwegprodukten."
Waschen bei 60 Grad: Hygienisch und praktisch
Ein häufiges Bedenken, das Dr. Schmidt in der Praxis begegnet: „Ist das überhaupt hygienisch?" Seine Antwort ist eindeutig: „Waschen bei 60 Grad tötet nach aktuellem Stand der Hygienewissenschaft pathogene Keime zuverlässig ab. Das Robert Koch-Institut (RKI) empfiehlt für Wäsche aus Haushalten mit infektiösen Erkrankungen genau diese Temperatur. Für normalen Haushaltsgebrauch bei Inkontinenz ist das mehr als ausreichend — vorausgesetzt, das Textil hält diese Temperatur aus und ist entsprechend deklariert."
Was sollte sich in Deutschland bei der Versorgung ändern?
Dr. Schmidt: „Vieles. Fangen wir mit dem Einfachsten an: Aufklärung. Ich würde mir wünschen, dass Inkontinenz in der Schule thematisiert wird — nicht als Tabu, sondern als körperliche Realität, die viele Menschen betrifft und die behandelbar ist. Die DKG leistet hier gute Arbeit, aber sie erreicht längst nicht alle."
„Dann das Thema Kasse und Kostenerstattung. Einwegprodukte werden von GKV-Kassen wie der AOK oder der Barmer unter bestimmten Voraussetzungen erstattet. Waschbare Textilprodukte hingegen finden sich kaum im Hilfsmittelverzeichnis. Das ist anachronistisch. Wenn ein Produkt OEKO-TEX-zertifiziert ist, nachweislich die medizinische Funktion erfüllt und dazu noch nachhaltiger und langfristig günstiger ist — warum wird es nicht erstattet? Das ist eine politische Frage, die die Fachgesellschaften dringend angehen müssen."
„Und schließlich: mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit. Urologen, Gynäkologen, Pflegeexperten und Physiotherapeuten sollten in der Inkontinenzversorgung enger kooperieren. Die Produktfrage ist nie isoliert — sie ist immer Teil eines größeren Therapiekonzepts."
FAQ: Häufige Fragen zu waschbarer Inkontinenzunterwäsche
1. Kann waschbare Inkontinenzunterwäsche Einwegprodukte vollständig ersetzen?
Bei leichter bis mittlerer Inkontinenz ist das in den meisten Fällen möglich. Hochwertige Textilprodukte mit Mehrlagensystem können typische Mengen sicher aufnehmen. Liegt eine starke oder sehr schwere Inkontinenz vor, empfiehlt sich weiterhin die Kombination mit Einwegprodukten oder eine urologische Abklärung für angepasste Lösungen.
2. Wie oft muss ich waschbare Inkontinenzunterwäsche wechseln?
Das hängt vom individuellen Verlust und der Absorptionskapazität des Produkts ab. Als Faustregel gilt: nach jeder merklichen Feuchtigkeit wechseln — ähnlich wie bei normaler Unterwäsche. Ein Set aus mehreren Stücken (z. B. drei bis fünf Paar) deckt einen Alltagsbedarf in der Regel gut ab.
3. Ist waschbare Inkontinenzunterwäsche bei Pilzinfektionen geeignet?
Bambusfaser reguliert Feuchtigkeit von Natur aus und wirkt leicht antimikrobiell, was das Pilzrisiko gegenüber synthetischen Materialien reduziert. Bei einer bestehenden Infektion sollte zunächst die medikamentöse Behandlung abgeschlossen werden, bevor auf neue Produkte umgestiegen wird. Eine Absprache mit dem Arzt ist in jedem Fall empfehlenswert.
4. Erstattet die Krankenkasse waschbare Inkontinenzunterwäsche?
Derzeit sind waschbare Textilprodukte in Deutschland nur selten im GKV-Hilfsmittelverzeichnis gelistet und werden von Kassen wie AOK oder Barmer in der Regel nicht erstattet. Einwegprodukte sind unter bestimmten Voraussetzungen erstattungsfähig. Es lohnt sich, bei der eigenen Kasse aktiv nachzufragen — die Regelungen können sich ändern.
5. Was bedeutet das OEKO-TEX-Zertifikat konkret für Inkontinenzprodukte?
Das OEKO-TEX Standard 100-Zertifikat belegt, dass ein Textil auf über 100 Schadstoffe geprüft wurde — darunter Pestizide, Formaldehyd, allergene Farbstoffe und Schwermetalle. Gerade bei Inkontinenzprodukten ist das besonders relevant, denn durch anhaltende Feuchtigkeitsbelastung reagiert die Haut im Intimpflegebereich sensibler. Das Zertifikat ist ein verlässliches Qualitätsmerkmal — kein Marketingversprechen.
Fazit: Was Facharzt-Erfahrung und Patientenrealität gemeinsam sagen
Dr. Schmidts Einschätzung ist klar: Für viele Betroffene ist waschbare Inkontinenzunterwäsche keine Nischenlösung — sie ist, sofern die Materialwahl stimmt, die medizinisch und praktisch sinnvollste Option. OEKO-TEX-Zertifizierung, Bambusfaser und ein durchdachtes Mehrlagensystem sind dabei keine Verkaufsargumente, sondern klinisch relevante Merkmale.
Was sich ändern muss, liegt auf der Hand: gesellschaftliche Enttabuisierung, die Aufnahme hochwertiger Textilprodukte ins GKV-Verzeichnis und mehr Aufklärung in der ärztlichen Praxis. Bis dahin gilt: Informieren Sie sich, sprechen Sie mit Ihrem Facharzt — und scheuen Sie sich nicht, Alternativen auszuprobieren. Menschen wie Margarete K. aus Hannover haben es getan. Sie trägt heute keine Einwegeinlagen mehr.





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